Der Bericht hebt den Einsatz von in der EU verbotenen Pestiziden in Brasilien hervor

Die Arbeit deutscher Umweltverbände zeigt, dass Brasilien als Drittland am meisten landwirtschaftliche Pestizide einsetzt, von denen viele hochgefährlich sind. Pestizide vergiften jährlich 400.000 Bauern. Brasilien ist eines der Länder, die in einem neuen Bericht deutscher Umweltverbände über den Einsatz von Pestiziden in der Welt und ihre Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt hervorgehoben werden. Das 50-seitige Werk mit dem Titel „Pestizidatlas 2022“ wurde an diesem Mittwoch (12. Januar) in Berlin von der grün-nahen Heinrich-Böll-Stiftung in Kooperation mit dem deutschen Zweig der Umweltgruppe Friends Země vorgestellt und die Zeitung Le Monde Diplomatique. Experten beschreiben in der Publikation das milliardenschwere Pestizidgeschäft und seine Folgen. „Der Atlas liefert Daten, Informationen und konzentriert sich auf bestimmte Bereiche. Welche Substanzen sind das? Was sind die Probleme? Was machen Pestizide mit Kleinbauern im globalen Süden? „Pestizide treffen uns überall, auch wenn wir nicht kurz vor der Ernte stehen“, sagt Agronomin Susan Haffmans vom Pestizid Aktions-Netzwerk, die maßgeblich an dem Bericht beteiligt war. Dem Text zufolge ist der Einsatz von Pestiziden weltweit seit 1990 um 80 % gestiegen. Weniger rigide Gesetze Einer der Punkte der Diplomarbeit ist der Einsatz von Pestiziden durch Entwicklungsländer, wie Brasilien, mit Substanzen, die als hochgiftig gelten und deshalb in der Europäischen Union (EU) verboten sind. „Brasilien, das drittgrößte Land der Welt bei der Verwendung von Pestiziden, importiert die meisten Pestizidbestandteile aus dem Ausland, einschließlich EU-Ländern“, heißt es in der Arbeit. „Im Jahr 2019 gab es mindestens 14 hochgefährliche Wirkstoffe, die in der EU nicht mehr zugelassen sind, wie das für Bienen hochgefährliche Fipronil von BASF und das neurologisch hochgiftige Chlorpyrifos von Ascenza Agro, Portugal Wirkungen. Außerdem das gefährliche Cyanamid von Alzchem in Deutschland und Propineb, das die sexuelle Funktion und die Fruchtbarkeit beeinträchtigt, von Bayer. Ein weiterer Stoff, der nach Brasilien gelangt, ist Epoxiconazol von BASF, das seit April 2020 in der EU nicht mehr zugelassen ist“, so der Text betont. Als einer der Gründe nennt der Bericht die Tatsache, dass die brasilianische Gesetzgebung in Bezug auf Rückstandsgrenzwerte in Lebensmitteln nachsichtig ist. „Brasilien erlegt seiner Bevölkerung Grenzwerte für toxische Rückstände in Lebensmitteln auf, die manchmal zwei- oder dreimal und in einigen Fällen 100-mal höher sind als die in der EU zulässigen Höchstwerte“, heißt es in der Studie. „Im Jahr 2019 überschritten nach offiziellen brasilianischen Angaben 23 % der Proben die ohnehin schon so hohen Rückstandshöchstgehalte“, betont der Text. „Rückstände von Substanzen, die in der EU verboten, aber in Brasilien erlaubt sind, wurden auch in brasilianischem Getreide, Obst und Gemüse gefunden. Diese Rückstände werden auch in andere Länder exportiert“, fügte die Arbeit hinzu. Laut den Autoren des Berichts führt der hohe Einsatz von Pestiziden in der brasilianischen Landwirtschaft nicht immer zu einem Pflanzenwachstum. „In Brasilien hat sich der Einsatz von Herbiziden (insbesondere Glyphosat) im Sojabohnenanbau zwischen 2002 und 2012 verdreifacht und erreichte 230.000 Tonnen pro Jahr. 10 %“, betont der Text. Fast 400 Millionen Vergiftungen pro Jahr Laut einer kürzlich in der Zeitschrift Public Health veröffentlichten wissenschaftlichen Studie erkranken jedes Jahr 385 Millionen Menschen, die in der Landwirtschaft tätig sind, an einer akuten Pestizidvergiftung. Bauern und Bäuerinnen fühlen sich nach der Vergiftung schwach, sie haben Kopfschmerzen, Erbrechen, Durchfall, Hautausschläge, Störungen des Nervensystems und Ohnmachtsanfälle. In schweren Fällen sind Herz, Lunge oder Nieren stark betroffen. Etwa 11.000 Menschen in der Branche sterben jedes Jahr an akuten Vergiftungen. Landwirte und Kleinbauern im globalen Süden sind besonders stark von Pestizidvergiftungen betroffen. „Wir sehen, dass 44 % der Landwirte weltweit mindestens einmal im Jahr an einer Vergiftung leiden. Und in einigen Ländern ist diese Zahl viel höher“, sagt Haffmans. Der Studie zufolge gibt es mehrere Gründe für die deutlich höhere Zahl von Vergiftungen in den südlichen Ländern: Einerseits werden in diesen Ländern besonders viele hochgefährliche Pestizide eingesetzt, oft sogar solche, die in Europa verboten sind. Zudem tragen viele kleine Züchter keine Schutzkleidung und sind sich der Gefahr nicht bewusst. „Manchmal verpacken Anbieter Pestizide einfach in kleine Plastiktüten oder Plastikflaschen ohne Etikett, ohne Sicherheitshinweise zur Verwendung und ohne Vorwarnung“, sagt Haffmans. Pestizide verbreiten sich durch den Wind Laut dem Atlas verbreiten sich Pestizide durch den Wind und erreichen Hunderte von Kilometern. Der Einsatz von Pestiziden hat Folgen für alle: Giftstoffe greifen Flüsse und Grundwasser an. Insekten, Vögel und Wassertiere sterben an Vergiftungen und die Artenvielfalt ist bedroht. Außerdem findet man Nahrung oft in Lebensmitteln. Pestizide lassen sich bereits im Urin vieler Menschen nachweisen. Pestizide verursachen chronische Krankheiten. „Studien zeigen einen Zusammenhang mit der Parkinson-Krankheit, Typ-2-Diabetes oder einigen Krebsarten“, sagt Haffmans. Sie werden auch mit Asthma, Allergien, Fettleibigkeit und endokrinen Störungen sowie Fehlgeburten und Missbildungen in besonders betroffenen Bereichen in Verbindung gebracht. Das Herbizid Glyphosat – das häufigste Pestizid – hat immer wieder Schlagzeilen gemacht. 2015 stufte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ ein. Eine wissenschaftliche Metastudie der Washington University aus dem Jahr 2019 identifizierte auch ein erhöhtes Risiko für bösartige Lymphknotentumore aufgrund von Glyphosat, dem so genannten Non-Hodgkin-Lymphom. Gewinn ist wichtiger als Gesundheit Der Verkauf von Pestiziden ist profitabel. Die vier größten Pestizidhersteller der Welt sind Syngenta (Schweiz/China), Bayer und BASF (Deutschland) sowie Corteva (USA). Laut Atlas erzielten sie im Jahr 2020 zusammen einen Umsatz von 31 Milliarden Euro. In den letzten Jahren ist der weltweite Verkauf von Pestiziden um durchschnittlich 4 % pro Jahr gewachsen. Für Gesundheits- oder Umweltschäden zahlen Unternehmen jedoch in der Regel nichts oder nur bei entsprechenden Gerichtsurteilen wie in den USA. Menschen, die das Pestizid Roundup mit dem Wirkstoff Glyphosat einsetzten, erkrankten schwer, 125.000 von ihnen verklagten Bayer. Der Konzern hat bereits Schadensersatz geleistet, rund 10 Milliarden Euro stehen in der Bilanz des Konzerns als Entschädigung für Bayer bereit. Trotz dieser Fälle verkaufen Bayer und andere Unternehmen weiterhin hochgiftige Pestizide, darunter auch solche, die aufgrund ihrer Gefährlichkeit in der EU verboten sind. Pestizidhersteller bemühen sich derzeit um eine neue Zulassung für Glyphosat in der EU. Neun EU-Staaten stimmten 2017 für das Verbot, 18 für eine Verlängerung, nun muss das Verbot 2024 in Kraft treten. Schwerwiegender Fakt ist, dass die zuständigen EU-Behörden laut Atlas keine ausreichende Analyse der Glyphosat-Zulassung durchgeführt haben „Es ist alarmierend und beängstigend“, sagt er Haffmans. Dem Papier zufolge kommen drei Viertel der unabhängigen Studien zu dem Stoff zu dem Schluss, dass Glyphosat mutagen ist. Umweltverbände drängen auf eine Abkehr von chemischen Pestiziden. Die Autoren von Atlas 30 verwenden Artikel, um Richtlinien hervorzuheben, die ihre Auswirkungen verringern können. „Sri Lanka hat in den letzten zwei Jahrzehnten durch das Verbot gefährlicher Pestizide nachweislich fast 10.000 Leben gerettet“, sagt Haffmans. „In Indien gelingt es einigen Regionen bereits, ganz oder teilweise auf Pestizide zu verzichten. Das wiederum ermutigt andere Regionen, diesem Beispiel zu folgen.“ Autor: Gero Rueter, Marcio Damasceno

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Gertraud Beck

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